Gleich hinter dieser Tafel, jenseits des Zauns steht eine sehr hohe Ulme mit der Nummer 22 – sie ist derzeit der älteste Baum auf dem gesamten Areal der Kleingärten. Laut Berliner Baumregister wächst sie hier schon seit dem Jahr 1912. Man kann sich kaum vorstellen, wie sie auf einem Bahnareal mit Dutzenden Schienensträngen und einem regen Güterverkehr so alt werden konnte. Sie hat Pestiziden und einem Weltkrieg getrotzt, wuchs wohl zwischen den Gleisen, vielleicht im Windschatten eines Gebäudes und stand dort nicht im Weg, bis sie endlich viele Jahrzehnte am Rande der Gärten Ruhe hatte, um richtig alt zu werden. Ein noch älterer Baum, eine Robinie von 1898 musste im August 2025 leider gefällt werden, weil Baumfrevler sie vor Jahren derart stark geschädigt hatten, dass sie nun umzustürzen drohte. Einige jüngere Robinien, ein paar Birken, Ulmen, Sommer-Linden, Schwarz-Pappeln, Holunderbüsche und zahlreiche Ahornbäume säumen hier den Weg bis zur großen Schöneberger Wiese.
Viele Bäume jenseits des östlichen Zaunes in der sogenannten „Stadtwildnis“, sind hier erst gewachsen, seitdem Ende der Neunziger Jahre die Baulogistik für den Nord-Süd-Fernbahntunnel abgewickelt wurde. Solche kleinen Wäldchen, sogenannte ‚tiny forests‘, können in Zukunft eine gewichtige Rolle dabei spielen, das Klima in den sich zunehmend erhitzenden Städten und Ereignisse wie Starkregen als Bestandteil einer „Schwammstadt“ zu regulieren. Nicht nur sorgen die hier wachsenden Bäume durch Photosynthese für Sauerstoff, sie binden auch Kohlendioxid durch ihr verrottendes Laub, das eine durchlässige Humusschicht bildet, die eine große Menge Wasser speichern kann. Durch den Schatten unter dem Blätterdach kühlt sich die Luft darunter ab. Vor allem im Sommer sorgen kühlere Areale wie dieses auch für eine Absenkung der Temperatur in den angrenzenden Stadtvierteln.
Berlin möchte eine führende Rolle in einem Städteverbund einnehmen, der Biodiversität schützen will und mit dem Energiewendegesetz ehrgeizige Klimaziele verfolgt. Zuletzt wurde vom Senat mit dem amtsdeutschen Wortungetüm „Kleingartenflächensicherungsgesetz“ dankenswerter Weise Bestandsschutz für einen Großteil der Gärten in Berlin geschaffen. Angesichts von Planungen wie Wannsee- und Stammbahn – diesen wird ein Teil der Bäume in der „Stadtwildnis“ wieder weichen müssen – und diversen weiteren Großbauprojekten wie etwa die ‚Urbane Mitte‘ wirken diese Ziele, Berlin als „Green City“ zu etablieren, durchaus widersprüchlich. Vielleicht braucht es als Kompensation noch viel mehr Orte wie ökologisch ausgerichtete Parks, ‚tiny forests‘, Kleingärten und vergleichbare Graswurzel-Projekte, die mit bürgerschaftlichem Engagement angegangen werden und wie die alte Ulme im Windschatten unserer dynamischen Stadt gedeihen können.
Mit dieser Station endet der Rundgang durch die POG. Wir bedanken uns für Ihr Interesse und würden uns freuen, wenn Sie diese kleine grüne Oase genauso wertzuschätzen gelernt haben, wie die Menschen, die hier wirken.
(text & fotos: avl)
Links
https://www.tinyforestberlin.de/
https://hub.arcgis.com/datasets/esri-de-content::baumkataster-berlin/
https://citieswithnature.org/berlin-urban-nature-pact/
https://www.berlin.de/sen/uvk/klimaschutz/klimaschutzpolitik-in-berlin/ziele-und-grundlagen/
https://www.berlin.de/rbmskzl/aktuelles/pressemitteilungen/2024/pressemitteilung.1481549.php
Standort
Zum Robinien-Ahorn-Wald gelangen Sie Richtung Norden den Weg entlang, vorbei am Bildungsprojekt baumschlau – zwischen zwei Holunderbüschen befindet sich die letzte Station.
Der Weg geradeaus durch das Wäldchen führt Sie wieder zurück auf die ‚Schöneberger Wiese‘ an der U2.
